Umstritten wie eh und je: Der Kormoran
Kieler Nachrichten am 09. Januar 2010
von Christian Trutschel


Zum Vogel des Jahres haben Sie ihn gewählt, der NABU und der bayrische Landesbund für Vogelschutz, und wollen sich so „offensiv für den Schutz des Kormorans einsetzen, der wieder zu Tausenden geschossen und vertrieben wird“. Das sorgt für Ärger - wie immer bei diesem Vogel. Der Landessportfischerverband empfindet die Wahl „als eine gewollte Provokation“. Und ginge es nach dem Verband der Binnenfischer und Teichwirte in Schleswig-Holstein, müsste der Vielfraß mit dem scharfen Schnabel sofort von der Roten Liste bedrohter Arten verschwinden und sein Bestand halbiert werden. Vögle in harten Wintern zu füttern, ist eine Sache. Vögel als Fresskonkurrenten zu dulden, eine ganz andere.

Bernd Koop ist freiberuflicher Biologe und zählt im Auftrag der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Wasservögel. Daten zum Kormoran trägt er seit 1992 zusammen. So auch für den aktuellen Jahresbericht 2009 „Jagd und Artenschutz“ des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein, gemeinsam mit Dr. Jan Jacob Kieckbusch. Gefragt, was das Besondere am Kormoran sei, antwortet Koop: „Der Kormoran ist einer der wenigen Großvögel, die es geschafft haben, sich so schnell zu verbreiten, nachdem man ihn unter Schutz gestellt hat. Er gehört zu einer uralten Vogelordnung mit ganz hervorragenden Anpassungen und einer großartigen Flexibilität.“ Von der Jungsteinzeit an sei der Kormoran hier heimisch gewesen. Kein Einwanderer, a ber ein zwischenzeitlich Ausgerotteter: 1890 verschwand die letzte Kormoran-Kolonie am Flemhuder See. Als der Vogel unter Schutz gestellt wurde, gab es in ganz West-Deutschland nur noch eine Kolonie.

Nach der Wiederansiedlung in Schleswig-Holstein 1982 überschritt der Kormoran schon 1995 sein bisheriges Maximum von 3500 Brutpaaren und lag 2009 bei 2446 Brutpaaren an 14 Brutplätzen. Von einem ungehemmten Zuwachs könne keine Rede sein, meint Koop: „Die Bestände an der Ostsee (37%, Anm.) und im Binnenland (20%) nehmen ab, die an der Westküste (43%) zu.“ Ein Grund: Fischer und Teichwirte dürften nach der seit 2007 wirksamen neuen Kormoran-Verordnung des Landes im Umkreis von drei Kilometern um jedes fischereiwirtschaftlich genutzte Gewässer die Ansiedlung von Kormoranen verhindern. Ein zweiter Grund: Seeadler. Wo sie auftauchen, gehen Kormorane unter. "Die nächste könnte die Kolonie am Güsdorfer Teich bei Plön sein“, mit 385 Brutpaaren die größte im Binnenland. „An der Nordsee sieht es im Prinzip besser aus - wegen der Brutmöglichkeiten im Nationalpark“, so Koop. Die „immer hochwassergefährdeten“ Bestände auf der Vogelinsel Trischen (363 Paare), dem Buttersand vor Sylt (41) und an den Klei-Entnahmeteichen der Stadt Wyk (300) suchten im Wattenmeer ihre Nahrung.

So weit die Zahlen. Leute wie Bernd Koop oder Ingo Ludwichowski vom NABU finden es „spannend“ und „wunderbar“, dass der Kormoran, dieser „zu Unrecht Verfolgte“, so zahlreich wieder da ist, wo er hingehört. Nicht viele teilen ihre Begeisterung - warum? „Weil er ein Konkurrent der Fischer und weil er schwarz ist“, sagt Koop. „Deshalb mögen ihn viele so wenig, wie sie die Rabenkrähe mögen. Wäre der Kormoran bunt, wäre seine Verfolgung längst nicht so stark.“ Hinzu kämen diese abenteuerlichen Hochrechnungen zum Beweis seiner Gefräßigkeit und die Hinweise darauf, wie viele Fische er verletze. Dabei fresse er „genau wie andere Fisch- und Fleischfresser etwa zehn Prozent seines Körpergewichts pro Tag - also 250 bis 300 Gramm“, bevorzuge Klein- und Jungfische wie Kaulbarsch, Stint, Rotauge, Hering und Flussbarsch, die zusammen mehr als drei Viertel seiner Nahrung ausmachten. Echten Schaden könne er anrichten in Fischzuchtanlagen. Für Koop stellt sich die Situation in Schleswig-Holstein zu Beginn des Jahres 2010 so dar: „Viele Kormorane, aber wenige Probleme mit ihnen.“

Das sieht Sabine Schwarten ganz anders. Sie ist Berufsfischerin in Eutin und Vorsitzende des Verbandes der Binnenfischer und Teichwirte in Schleswig-Holstein. „Die Ornithologen wollen nicht sehen, welche Schäden Kormorane anrichten. Aber ich sehe die großen Maränen, auf einer Seite komplett und tief bis in die Bauchhöhle aufgeschlitzt. Ich sehe die Bissspuren an Aalen. Ein geschossener Kormoran hatte einen 800 Gramm schweren, 42 Zentimeter langen Zander in sich.“ Ihr Cousin sei Fischer am Kellersee. Dort hätten zwischen Ende Mai und Anfang August 2009 zeitweise bis zu 1500 Kormorane täglich gejagt. „Die Berechnungen der Ornithologen zugrunde gelegt, haben diese Vögel 2009 etwa 20 Tonnen Fisch aus dem Kellersee entnommen. Zehn bis elf Tonnen sind aber das Maximum, das entnommen werden darf, will man den See nachhaltig bewirtschaften.“ Schießen dürfe sie nur zwischen 1. August und 31. März - so wie kürzlich, „als ich mit Kunden draußen stand und plötzlich drei Meter vor uns zwei Kormorane auftauchten.“ Die Teichwirte hingegen „dürfen nicht geschlechtsreife Jungvögel ganzjährig schießen, Altvögel nur zwischen 1. 8. und 31. 3.“ Eine „Perversion des Artenschutzes“ nennt Schwarten die derzeitige Abschussregelung: „Wir würden lieber Eingriffe in die Brutkolonien sehen - egal durch wen. Es reicht ja schon, dass man die Altvögel, sobald deren Gelege voll sind, mit der Taschenlampe abhält.“

Ja, in seinen Brutkolonien sei der Kormoran am stärksten zu treffen, so sei er ausgerottet worden, erklärt Dipl.-Biologe Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer und Pressesprecher des NABU-Landesverbandes mit Sitz in Neumünster. „Aber wie will man denn bei so einem Vorgehen verhindern, dass die nackten Jungvögel früh brütender Kormorane dabei erfrieren und das mit dem Tierschutz in Einklang bringen? Woher sollen Graureiher, wenn sie auch dort brüten, wissen, dass nicht sie gemeint sind? Und wenn die Kolonie im Naturschutzgebiet liegt: Will man dann Leute mitten im Schutzgebiet so agieren lassen?“ Entschädigungen für Berufsfischer, so der NABU-Mann, seien grundsätzlich sinnvoll, aber schon allein wegen EU-Bedenken nicht einfach. Gegen Null gehe beim NABU das Verständnis für die Angler, unter denen die heftigsten Gegner des Kormorans zu finden seien. Angler, meint Ludwichowski, gingen einem Hobby, nicht einem Beruf nach. Der Kormoran sei weder gut noch böse - er gehöre nun einmal zur heimischen Vogelwelt. Vielleicht hat Michael Bothstede die Synthese der Kormoran-Dialektik gefunden. Kormorane - ausschließlich durchziehende - haben seinen Betrieb, die auf Satzfischzucht spezialisierten Grambeker Teiche bei Mölln, ruiniert. „Bevor der Kormoran kam, haben wir 10.000 Kilo pro Jahr geerntet, am Ende noch 100 Kilo.“ Bothstede war 2002 erster Öko-Teichwirt in Deutschland. Sein Unternehmen - 44 Teiche, 32 Hektar Wasserfläche - ist Demonstrationsbetrieb im Bundesprogramm Ökologischer Landbau. Hunderte von Kormoranen hat Bothstede geschossen. Zwecklos, bilanziert er heute. „Man muss auch als Fischer anerkennen: Der Kormoran ist ein sehr, sehr cleveres Tier, ähnlich wie ein Marder oder ein Fuchs. Kormorane haben eine geniale Taktik, sie organisieren sich und jagen wie ein Wolfsrudel. Dann aber haben Fische keine Chance mehr.“

„Mega-genial“ nennt Bothstede die Lösung, die seine Frau und er „über Jahre ausgetüftelt“ und mit der sie auch die Behörden überzeugt haben. Als Pilotprojekt mit dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) und dem Ministerium in Kiel entsteht jetzt das größte Netzdach Norddeutschlands. Es ist elastisch aufgehängt, schwebt zwei Meter über dem Wasser, und ermöglicht das Befreien von Vögeln, die sich verfangen, genauso wie das Arbeiten mit allen Maschinen. „In den überspannten Teichen gibt es kein Kormoranproblem mehr“, sagt Bothstede. Für ihn ist das Etikett „Vogel des Jahres 2010“ ein echter Rückschritt, „das bringt doch nichts. Und auf der anderen Seite zu sagen, der Kormoran sei ein Schadvogel, ein Fischmörder, man müsse ihn ausrotten, ist dummes Zeug. Der Mensch hat ja auch extrem Schuld, dass zum Beispiel in der Ostsee so viel weniger Fische leben. Der Kormoran soll bleiben und darf nie wieder ausgerottet werden. Aber man muss auch ihn bejagen und einregulieren - wir müssen Kormorane behandeln wie Rehe und Wildschweine.“

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