Der erste Biokarpfen

Artikel in den Lübecker Nachrichten / Lauenburgische Nachrichten
von Uwe Steinmeyer am 17. Nov. 2002

Fischwirt Michael Bothstede aus Grambek von Bioland zertifiziert
Deutschlands erste Biokarpfen kommen aus dem Herzogtum Lauenburg. In Grambek erfüllt der aus 44 Teichen bestehende Gutsbetrieb die strengen Anforderungen des Bioland-Verbandes. Pächter Michael Bothstede erklärt, warum.

GRAMBEK –Nebel hängt über der Landschaft, Krähen rufen, von fern rauscht die A24. Die Holzkate mit dem Räucherofen sieht aus wie ein Hexenhaus. Dahinter ein Steg mit Boot und weitere kleine und größere Teiche. Hier kommt er also her, Deutschlands erster Bioland Karpfen. Aus Grambek bei Mölln. Alles öko, oder was?

Genau. "Mindestens drei Monate im Jahr liegen die Teiche trocken, dann bearbeiten wir den Boden", erklärt Michael Bothstede. Seit 14 Jahren ist er Pächter der insgesamt 44 Teiche mit einer Größe von 200 Quadratmetern bis 3,5 Hektar. 1995/96 machte der heute 43-Jährige die Prüfung zum Fischwirtschaftsmeister. Nur drei Fachschulen gibt es dafür bundesweit in Sachsen, Nordrhein-Westphalen und Bayern. Jetzt wurde er der erste Ökofischer der Republik. Und deshalb laufen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender seit Wochen bei ihm Sturm. Die werden mittlerweile vertröstet, bis das Weihnachtsgeschäft gelaufen ist.

Ist ein Teich trocken gelaufen, wird der Boden mit Traktor und Grubber oder einem Einachsschlepper aufgelockert und belüftet. Für das Nachziehen der Entwässerungsgräben hat der gebürtige Grambeker einen 17-Tonnen-Bagger. "Öko heißt nicht Pferd, Wagen und Plattschaufel, wo wir können, arbeiten wir mit Maschinen", so Bothstede.

"Wir machen hier die Urteichwirtschaft unserer Urgroßväter; wir geben den Fischen viel Platz, die Produktion ist gekoppelt an die Natur", sagt er stolz. Und da gibt es keine Medikamente. "Brauchen wir nicht; Fischkrankheiten sind immer nur Sekundärerscheinungen, also die Folge von schlechter Haltung", doziert Bothstede in Gummistiefeln und Wollmütze.

Rund 80 Prozent seiner Fische sind Karpfen. Der Rest besteht aus Schleien, Welsen, Hechten, Rotaugen und Barschen. Auch Flusskrebse leben in den Teichen. Pro Hektar Teichfläche ernte er im Jahr etwa eine halbe Tonne Karpfen. Im Juli 2001 entschied er sich seinen Betrieb zu ökologisieren. "Ein irrer Aufwand", stellt er fest und zeigt im Büro einen Aktenordner mit Eintragungen für alle möglichen Überprü fungen. Doch bereut hat Bothstede nichts. Im Gegenteil. Und durch die Medienberichte wird er im Januar alles verkauft haben. Das dauert sonst bis April.

Die Teiche ergeben insgesamt eine Wasserfläche von 32 Hektar. 20 Prozent des Ufersaums muss Bothstede als Verlandungs- und Röhrichtzone belassen, damit die Fische einen Rückzugsraum haben. Das kommt auch den Amphibien zugute. Ein weiteres Superlativ des Gebietes im Naturpark Lauenburgische Seen ist Schleswig-Holsteins größte Amphibienpopulation mit großer Artenvielfalt an Molchen, Kröten und Fröschen.

Neben dem Verkauf von selbst geräuchertem Fisch erzielt "De Fischer ut Grambek" etwa 25 Prozent seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Jungfischen. Bei seiner Arbeit plagen ihn die gleichen Sorgen wie ein Landwirt, der besorgt zum Himmel oder auf den Wetterbericht schaut: "Ohne Wärme und Sonne läuft nichts, Karpfen brauchen sehr viel Wärme." Zu trocken darf es andererseits aber auch nicht sein, denn 50 Prozent seines Teichwassers sei Regenwasser.

Ein Ärgernis: Kommen Öko-Landwirte in den Genuss von Fördergeldern, geht der Grambeker leer aus. "Seit 1991 arbeitet die Agrarkommision der EU an einer Aquakultur-Verordnung", erzählt er. Und damit das endlich was wird , sei er jetzt an "vorderster Front" aktiv. Dabei werden die 2,5 bis vier Kilo schweren drei- und vierjährigen Karpfen mit 6,30 Euro pro Kilo zu einem fairen Preis angeboten. Der Kunde sucht sich einen Fisch aus und bekommt ihn ausgenommen, und nach Wunsch fertig zerlegt, überreicht. "Wir geben uns da sehr viel Mühe", so Bothstede. Und zum Vorurteil, Karpfen schmecke "muffig" oder "nach Teichwasser", sagt er: "Die Fische haben in ihren Kiemen Schwebstoffe aus dem Teich, die diesen Geschack erzeugen; deshalb nehmen wir die Kiemen sofort heraus.

 

Wie macht man Ökofisch?

Ökofisch wird genauso gemacht wie Ökoschwein oder –rind. Nur eben im Wasser.

Erste Voraussetzung: Die Grundlage der Fütterung ist das Nahrungsaufkommen der Teiche. Mindestens die Hälfte des Futters muss laut Bioland- Richtlinie aus der Eigenproduktivität des Gewässers stammen. In Grambek, so Bothstede, bekämen lediglich die Ein- und Zweijährigen im Herbst etwas Getreideschrot aus dem Ökolandbau zur Bildung von Fettreserven. Denn ab Temperaturen unter fünf Grad können die Karpfen keine Nahrung mehr aufnehmen und fallen in Winterschlaf.

Das Wasser der Teiche besteht zu 50 % aus Regenwasser. Die andere Hälfte kommt aus dem nahen Wald, wo ein Bach entspringt. Das Wasser hat Trinkwasserqualität – eine weitere Voraussetzung für das Öko-Zertifikat.

Um das Wachstum der Kleinstlebewesen anzuheizen, die die Karpfen fressen, wird außerdem das Mähgut der Teichufer ins Wasser geworfen, wo es verrottet und Nährstoffe freisetzt. Natürlich gibt es strenge Richtlinien, wie viele Fische in einem Teich leben dürfen. Bothstede: "Die Bioland-Obergrenzen haben wir noch lange nicht erreicht.



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